Kulturinitiative – Aufruf zu Identitäts- und Gemeinschaftsbildung
Du
musst dein Leben ändern. So lautet der Titel von Peter
Sloterdijks neuem Buch zur europäischen Philosophie- und
Kulturgeschichte. Es enthält eine Fülle von bahnbrechenden,
systemisch orientierten Gedanken über den Mensch und sein
Eingebundensein in gesellschaftliche und kulturelle Gruppen.
Sloterdijks Werk scheint mir für die Kunst, die Kultur und für
die Gesellschaftsentwicklung von besonderer Bedeutung zu sein, u. a.
weil es eine wesentlicher Erkenntnis der Neuropsychologie aus
philosophischer Sicht bestätigt: Die Tatsache, dass Kultur- und
Kunstschaffen einen Gesundungsprozess im Menschen anstoßen
kann, der erst durch regelmäßige Pflege im Alltag dauerhaft
wird.
Für die Praxis heißt dies, dass wir
Nachhaltigkeit in kulturellen und therapeutischen
Entwicklungsprozessen nur erreichen, wenn Menschen langfristig ihre
Lebensgewohnheiten in Richtung einer resilienten Lebensweise ändern.
(siehe auch L. Reddemann 2008) Unter Resilienz versteht man das
Vorhandensein von seelischer Widerstandskraft und von
Durchhaltevermögen angesichts scheinbar unlösbarer
Probleme. Wer schweren Verrat, große Lieblosigkeit oder andere
traumatische Erfahrungen gemacht hat, ist auf tröstende
Erlebnisse angewiesen. In einer zunehmend rauer werdenden
Gesellschaft stößt man den Schwachen lieblos und
hartherzig ab, behandelt ihn wie eine Marionette und programmiert
sein weiteres Scheitern damit vor.
In der Geschichte finden sich
immer wieder Persönlichkeiten, die mit Hilfe ihrer Kreativität
und ihrer Kunst extremes Leid überlebt und bewältigt haben,
ja ihrem Leben auf diese Weise einen neuen Sinn gegeben haben. Im
kreativen Ausdruck findet der Mensch seine Sprache des Herzens, in
der das Leiden anerkannt oder transformiert werden kann. Aktive
Handlungen und Vorstellungen, die mit Freude und Liebe verbunden
sind, machen Stress und Leid erträglich. Im kreativen Ausdruck,
beim Malen, Tanzen, Singen und Musizieren entwickeln sich
„flow“-Erlebnisse (Mihaly Csikszentmihalyi 1999), das Gefühl
ganz in einer Sache aufzugehen und dabei glücklich zu sein. Im
Gehirn wird dabei Dopamin ausgeschüttet, Motivation entsteht.
Der sich entwickelnde Regelkreis führt zu weiteren kreativen
Handlungen, zur Vertiefung des Glücksgefühls und zu einem
Gefühl des lebendig-körperlichen Fließens.
Wie finden
wir also im Angesicht der hohen äußeren Anforderungen, die
das Leben an uns stellt, die innere Haltung, die uns zu kreativ
Übenden macht, egal ob wir den Haushalt führen, als Manager
arbeiten oder tanzen?
Warum der Mensch üben muss
Kunstschaffen
entsprang in seiner frühesten Ausprägung dem Bedürfnis
des Menschen mit den ihm als höher oder unberechenbar
erscheinenden Mächten umzugehen. Je unbekannter und abstrakter
die Gefahr, die aus der Umwelt droht, desto transzendenter steht sie
dem Menschen gegenüber. Alle lebenden Systeme müssen in
einer ersten Entwicklungsstufe auf die Begegnung mit potentiell
todbringenden Invasions- und Irritationskräften gefasst sein.
Daher kommen auch die diffusen Ängste, die dem Menschsein
manchmal anhaften. Zu ihrer Bewältigung ist ein Zug ins Offene
notwendig, in die Konflikt- und Überraschungsräume der
Umweltgegebenheiten. Diesen Zug ins Offene vollzieht der Kreative,
wenn er oder sie ihr Werk schafft. Der Mensch muss diesem offenen
Raum mit seinen inneren Überschüssen entgegengehen.
Überschüsse haben wir, wenn wir Zeit zum Lernen, für
das Wohlbefinden, besonders aber in guten Beziehungen haben durften.
Kunst und Beziehungskultur dient als immunologische Praktik zur
vorwegnehmenden oder nachträglichen Verletzungsverarbeitung,
nicht nur zur Abwehr konkreter Gefahren, sondern auch zur Abwehr der
schicksalhaften Tatsache des zukünftigen eigenen Sterbens.
Angesichts des Todes erlebt sich der Mensch am deutlichsten in die
Passivität gedrängt. Wir tun ja meistens so als würde
das, was jetzt ist, immer so weitergehen. In der Imagination
symbolisieren wir die Gefahr und nehmen sie vorweg. Wir bauen dadurch
eine emotionale und mentale Rüstung auf, die uns vor
überfordernder Überflutung mit beängstigenden Gefühlen
bewahrt. Dies tun wir ständig, gesellschaftlich und privat,
auch, wenn wir an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen und mit
Freunden sprechen. Die Kunst hilft uns bei der Aufrechterhaltung des
„schönen Scheins“, vergewissert und aktualisiert uns im
Guten, Wahren und Schönen.
Als mit sich selbst ringender Mensch,
als ethischer Mensch musste der Künstler der vergangenen
Jahrhunderte seinem Leben mit den darin enthaltenen Überschüssen
und Gefährdungen eine symbolische Form geben, die eine übende
Komponente in sich trägt. Er unterlag damit wie im Grunde jeder
Mensch einer inneren vertikalen Spannung zwischen seinen
tatsächlichen Leistungen (seinem Status) und seinen Idealen
(Metaidolen) mit der Verwirklichung zukünftiger Werke.
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Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt |
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Darin die Augenäpfel reiften. Aber |
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Sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, |
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in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, |
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sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug |
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der Brust dich blenden, und im leisen Drehen |
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der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen |
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zu jener Mitte, die die Zeugung trug. |
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Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz |
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unter der Schultern durchsichtigem Schurz |
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und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; |
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und bräche nicht aus allen seinen Rändern |
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aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, |
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die dich nicht sieht. Du musst Dein Leben ändern. |
Dieses
Gedicht vom Archäischen Torso Apollos von Rainer Maria
Rilke (1908) thematisiert, was Sloterdijk unter Vertikalspannung
versteht. „…..denn da ist keine Stelle, die Dich nicht sieht. Du
musst dein Leben ändern.“ Das Gedicht ist für Sloterdijk
„ein Experiment über das Sich-etwas-sagen-lassen“.
Rilke war
im Jahre 1905 und 1906 Privatsekretär von Auguste Rodin und von
dessen Kunstauffassung beeinflusst. Für Rodin sollten sich die
Dinge selbst mit ihrer ganzen Autorität aussprechen. Rilke
schreibt über Rodins Skulpturen: „Es gab Stellen ohne Ende,
und keine, an der nicht etwas geschah.“ (Rilke Band 3, 2, Prosa
S.359) Kunstgeschichtlich tritt an die Stelle der naturgetreuen
Abbildung der alten Meister und ihrer Nachahmung von vorgegebenen
Gestalterwartungen in der Moderne die Autorität des sich selbst
aussprechenden Objekts, des sich selbst veröffentlichenden
Körpers. Noch erinnert der Torso an die menschliche Gestalt,
löst sich aber von ihr. Die Zeit der Formen bricht an, die an
nichts mehr erinnern.
Das Phänomen des
Von-oben-angesprochen-Werdens verkörpert sich im ästhetischen
Gebilde in neuer Weise. Das Torso-Ding zeigt nicht nur einen
erloschenen Gott. Rilke erlebt das Steingebilde als ein Göttliches,
das seine sendungsmächtige Botschaft immer noch ausstrahlt. Er
möchte, dass sich der Leser seines Gedichtes vom Torso
angeschaut erlebt, während er ihn betrachtet, und unterstellt
dass der Torso den Betrachter schärfer sieht als er selbst den
Stein zu sehen vermag. Er legt dem Betrachter gleichsam hypothetisch
die Ausführung einer inneren Geste nahe, die ihn dazu bringt
sich als von etwas Höherem angeschaut zu erleben.
Das Objekt
Stein wird zum wirkenden Subjekt, dem der Betrachter sich aussetzt,
und erzeugt dadurch in ihm ästhetische Ergriffenheit. Den Stein
als einen Sehenden auffassen heißt soviel wie an ihn als einen
vital Wirkenden glauben, seine vitale Wirkkraft vorauszusetzen.
Ästhetische Betrachtung kann also Vitalkräfte aktivieren.
Bei
dem von Rilke besprochenen Torso handelt es sich um eine Darstellung
des Apollo, dem Gestalt- und Oberflächengott, der aber hier eine
haptisch fühlbare Verbindung mit dem drängenden und
strömenden Prinzip des Dionysos eingeht. Unsere Wahrnehmung
heute ist dagegen besetzt vom „Geschwätz der makellosen
Körper“ (Sloterdijk).
Für das antike Griechenland war der
mit dem Lorbeer gekrönte Athlet und die vollkommen ausgebildete
Statue sowohl physisch als auch psychisch den Göttern gleich.
Mit dem Neustart der Olympischen Spiele um 1900 entwickelte sich in
unserer Kultur ein explodierender Sportkult und damit ein epochaler
bis heute anhaltender Akzentwandel im Übungsverhalten. Das
asketische Üben wird entspiritualisiert und zugleich
resomatisiert (somatische Renaissance des Athletentums mit der Wende
ins 20. Jahrh.). Im Altertum trainierte der Athlet zu Ehren Gottes,
heute tut er dies um der persönlichen Leistung willen.
Identität ist aus Peter Sloterdijks Sicht das Resultat der permanenten bewussten und unbewussten Übungsprogramme des Einzelnen. Das Selbst wäre dann „ein Gewitter aus Wiederholungsreihen unter einem Schädeldach“, welches sich jede Nacht in seinen Träumen aktualisiert. (S.644) Mit sich selbst identisch ist, wer sich selbst fortlaufend aktualisiert, indem er sich bewusst seiner eigenen Vertikalspannung aussetzt. Die Übungskultur einer Gesellschaft entsteht aus der Notwendigkeit Natur und Kultur durch Praktiken der Erziehung, der Sitte und Gewohnheit zu verbinden und sie über Generationen weiterzugeben. Die spezifische mentale und physische Übungskultur versucht den sozialen und kosmischen Status des Einzelnen und der Gemeinschaft angesichts bestehender vager Lebensrisiken zu verbessern. Hieraus resultiert die Arbeit an sich selbst. In seinem Entwicklungsbedürfnis steht der Mensch kognitiv zwischen seinem Wissen und Unwissen, ökonomisch zwischen Fülle und Mangel, politisch zwischen Macht und Ohnmacht, religiös zwischen heilig und unheilig, moralisch zwischen gutwillig und böswillig, als Kämpfer zwischen tapfer und feige, als Übender zwischen Vollkommenheit und Unvollkommenheit.
In
unserer aktuellen Kultur ist Bescheidenheit unmodern geworden. Der
Drang nach immer mehr Besitztum und Geld erscheint den Vielen als die
einzige Möglichkeit, veräußerlichten Lebenssinn, d.
h. Vertikalspannung zu erleben. Religiöse und idealistische
Lebenshaltungen haben sich weitgehend aufgelöst. Moralische
Grundhaltungen und Regeln werden grundsätzlich in Frage gestellt
und bilden keine sichere Grundlage mehr, auf der sich Kinder und
Jugendliche entwickeln können. Grenzenlose Freiheit ist oft die
einzige anerkannte Regel, auch wenn sie skrupellos auf Kosten der
Anderen ausgelebt werden muss. Von den großen
Wirtschaftsmanagern und Konzernen wird diese Haltung rücksichtslos
vorgelebt. Aktuelle Kunst und Kreativität ist deshalb
Vermarktungskunst geworden. Der zur Gewohnheit werdende Bruch mit
vorangegangenen Kunst- und Gesellschaftsregeln radikalisiert die
künstlerische Handlung und reduziert sie auf die Eventebene.
Übungszyklen spielen keine oder nur noch eine untergeordnete
Rolle. Nicht der Könner, sondern der Inszenierer wird als
Künstler anerkannt. Wer andere zu künstlerischem Handeln
veranlasst, schockiert und zum Nachdenken bringt, ist der neue Held.
Ist das Streben des Menschen und seine Kreativität heute im
Wesentlichen durch das Schaffen von Mengen und Größen
geprägt? Wollen wir noch üben?
Wie könnte eine moderne
Übungskultur aussehen?
Zur
inneren Aufrichtung des Menschen gehört das aufkeimendes
Bewusstsein für das innere Gefälle zwischen der
gegenwärtigen Ich-Person und ihrem höheren Ziel, sei es ein
Traum, ein Kampf für etwas, dass errungen werden möchte,
oder ein überpersönlicher ideeler Wert.
Das Geworfensein in
eine Behinderung oder einen Schicksalsschlag kann zum Ausgangspunkt
einer neuen umfassenden Selbstwahl und Willensschulung werden. Der
lebenslang von schweren Migräneanfällen geplagte Friedrich
Nietzsche sagt in Ecce homo: „Ich nahm mich selbst in die
Hand, ich machte mich selbst wieder gesund…“.
Zu den menschlichen
Anstrengungsprogrammen gehört aber auch jede Lebensverneinung,
der zur Gewohnheit gewordene Hochmut oder die Verachtung des Lebens,
jede verneinende oder bejahende Moralvorstellung, jede
Gewohnheitsreihe, auch die verwahrlosende Entkräftung und jedes
formlose Dahintreiben. Letztlich kann der Mensch nicht nicht üben,
denn auch ein schlechter Schüler zu sein will gelernt sein und
setzt z. B. Verweigerungsanstrengung voraus. Das freigelassene
Subjekt braucht das haltgebende Gerüst eines überpersönlichen
Rahmens, um seiner wahnhaften Grenzenlosigkeit zu entkommen. Der
erfolgreich Übende verankert sich jenseits seiner Gebrechen in
seinen überpersönlichen Werten und wächst durch sein
ausgerichtetes Tun über sich selbst hinaus. Für den
Einzelnen geht es also darum sich bewusst für seine
Anstrengungsprogramme zu entscheiden und sie in sein durch
Gewohnheiten geprägtes Leben aufzunehmen.
Eine umfassende
Kulturinitiative müsste der Gesellschaft Möglichkeiten zu
gemeinschaftlichen Übungsprogrammen anbieten, wie dies z. Z. am
intensivsten durch die Sportförderung und die Vermarktung von
Sportveranstaltungen geschieht. Bei vielen Tageszeitungen füllt
der Sportteil die größte Anzahl der bedruckten Seiten.
Eine neue Übungskultur würde dem Kulturteil ein ebenso
großes Gewicht einräumen. Unsere Kultur bietet ihren
Bürgern auch eine Vielzahl von Musik- und Kulturveranstaltungen,
erzieht sie aber eher zum passiven Genuss, nicht zur identitäts-
und gemeinschaftsbildenden Eigenaktivität. Auf Passivität
und Genuss ausgerichtete Übungsprogramme schwächen die
Vitalität und Spannkraft des Menschen.
Vor allem die bildende
Kunst besteht oft nur noch aus einer verhältnismäßig
kleinen Zahl isolierter, künstlich in Szene gesetzter
Kunstmarktdiener. Der Fetisch Kunstwerk wird von der breiten
Bevölkerung ignoriert. Er verfällt damit in seinem Wert für
die gesellschaftliche Gruppe. Der Kunstkult müsste aber den
heraushebenden Ausnahmezustand nicht nur auslösen, sondern auch
unter haltgebender Kontrolle halten können. Der Aufbau von
möglichst vielen pseudowissenschaftlichen Ehrenämtern und
Funktionen der Mitglieder und selbst ernannten Kunstbewertern kann
nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kunstszene
orientierungslos vor sich hin dümpelt und der einzelne Künstler
isoliert im Kampf um die Geldtöpfe meist nur noch nach der
Inszenierung seiner Selbst giert. Wenn „alles nur ein Film“ ist,
muss man sich nicht mehr anstrengen. Der von chronischer
Disziplinlosigkeit und Verwilderung bedrohte Einzelne braucht seine
Bindung an eine soziale Gruppe, und sei sie auch noch so schlecht
oder zerstörerisch. Als ein Wesen, das im Gehege freiwilliger
und unfreiwilliger Disziplinen lebt, braucht der Mensch eine
„symbolische Ordnung“ (Jacques Lacan), zu der er sich zugehörig
fühlen kann, und er braucht Ideen zur Eroberung des
Unwahrscheinlichen.
Das explizite und implizite Übungsverhalten
des Menschen im Verlauf der Jahrtausende zeigt, dass er in seiner
Arbeit, seinen sozialen Interaktionen, ja in seinem gesamten tätigen
Leben auf sich selbst einwirkt und an sich selbst ein Exempel
statuiert. „Mensch sein heißt in einem operativ gekrümmten
Raum existieren, in dem die Aktionen auf den Akteur, die Arbeiten auf
den Arbeiter, die Kommunikationen auf den Kommunizierenden, die
Gedanken auf den Denkenden, die Gefühle auf den Fühlenden
zurückwirken. Alle diese Arten des Rückwirkens haben,
behaupte ich, asketischen, d. h. übungshaften Charakter.“
(Sloterdijk S.174)
Selbst-
und Sozialgestaltung – eine Höhenpsychologie (Max Scheler
1920, Victor Frankl 1938)
Innerhalb
menschlicher Werte-, Rang- und Leistungsverhältnisse richtet
sich der Einzelne bewusst und unbewusst auf ein Über, Höher
und Voraus hin aus. Diese Ausrichtung ist tief in der menschlichen
Entwicklung verankert. Schon das Kleinkind erfährt sich selbst
im Verhältnis zu seinen Eltern und Großeltern als
untergeordnet, als ein zu ihnen aufschauendes, überräumlich
unterlegenes, welches die Erwachsenen als übergeordnete „Götter“
wahrnimmt, zu denen es langsam hinaufstrebt. Wenn es nachahmend
handelt und sich neue Fähigkeiten erschießt, erfährt
es Souveränität und hinterfragt die vorgegebene
Vertikalität zu den Eltern. Es kann aber die Eltern nicht in
derselben Weise umstoßen wie seine Bauklötzchen, sondern
erfährt sie immer wieder als übergeordnet. Es erlebt
dadurch eine stabile, Halt gebende Ausrichtung auf die
Vertikalspannung, die zukünftigen Möglichkeiten seiner
Entwicklung.
Später richtet sich die Vertikalbeziehung auf
Kulturideale und Wissensvermittler, auf immer neue „Könige“,
auf Prominente, Präsidenten und andere Führungspersönlichkeiten.
Die Attraktion der Königsfunktion, das Streben nach einem Über
und Hinauf, einem verehrten Oben bleibt dem Menschen imaginär
erhalten. Er muss neue „Könige“ küren, zu denen er
aufstreben kann. Als neuer lebender König kommt nur ein
Überwesen in Frage, welches durch seine Überwindung des
Unmöglichen herausgehoben ist aus der Alltagssphäre,
jemand, der einen Grund bietet nach Oben zu schauen. Dasein heißt
dann Obensein. Indem der Artist diese Rolle einnimmt bietet er der
Menge die untergeordnete Rolle und das Streben nach oben zu seinem
Unwahrscheinlichkeitsgipfel an. Es geht also um ein jedem lebenden
System eigenes Hinauswachsen über den Status Quo, welchem wir
unweigerlich verbunden sind, sowohl biologisch-evolutionär als
auch seelisch-geistig.
In der Natur ist das Aussterben einer Art
wahrscheinlicher als ihr Überleben. Ein System, welches
stagniert, stirbt. Ein stabilisiertes Überleben kann nur
Ausgangsbasis für weiteres Wachstum sein. Insofern stellt ein
Kontinuum von Lebensformexperimenten auf immer höheren Ebenen
von stabilisierten Unwahrscheinlichkeiten den so genannten
Fortschritt, die Bewegung des Systems zu einer wachsenden Komplexität
dar. Wachstums- und Lebensprozesse sind unweigerlich auf diese erste
Bewegung hin ausgerichtet, nicht nur im genialen Einzelnen, sondern
auch in Kunst, Kultur und Gesellschaft. Nach Nietzsche ist Gott als
spiritueller Führer der Menschheit tot, auch wenn es immer neue,
der Menschheit dienende Götter geben wird, Schaffende, die am
Erreichten anknüpfen, um höher und weiter zu gehen ohne
Ressentiments gegen die eigene oder fremde Kreativität zu
entwickeln, wie dies etwa auf dem zunehmend blasierten Kunstmarkt
geschieht. Im kulturellen Lebensprozess wird das gestrige Große
zum Normalen, welches jedem Mitmenschen zur Verfügung steht. Es
dient als Basislager für einen nächsten Aufbruch. „Das
Dasein des Menschen von morgen soll ganz auf Übung und
Beweglichkeit gegründet sein, einschließlich der
Willensgymnastik und der Mutproben für die eigenen Kräfte.“
(Sl. S. 194)
Der Mensch ist ein Gefahrensucher, ein Monstrum der
Unruhe, welches in seiner Kunst immer weitergehen muss, sei es als
Arzt, Staatsmann, Gesetzesgeber, Forscher oder Künstler. Daraus
ergibt sich eine Disposition zu Überheblichkeit und
Maßlosigkeit, zur „Unterwanderung der Menschlichkeit“. Das
1. Buch Moses, Kapitel 28 berichtet von Jakobs Traum von der
Himmelsleiter, auf der Engel auf und nieder steigen und der Herr von
oben spricht. Auch hier wird die Vertikalität von Entwicklung
angesprochen. Jakob baut an der Stelle sein Haus Gottes, wo die
Entwicklung seines Volkes in der Vertikalen weitergeht.
Traumhierarchie wird an dieser Stelle Realhierarchie, wenn sich auf
Erden die verschiedenen Rangstufen der Engel widerspiegeln. Die von
der Höhe ausgehende Spannung erscheint hier als Leiter, als
nicht fixierbares „Transzendenzgerät“ zur evolutionären
Steigerung von Unwahrscheinlichkeiten. Marx spricht vom Überbau,
Freud vom Über-Ich, Aurobindo vom Supramentalen, Adler von der
Überkompensation. Es gibt den Overkill, die Überbevölkerung,
den Supermarkt und den Superstar. Dabei sei, so Sloterdijk, die Ära
des Übermenschen schon vorbei, in der Menschen sich mit Hilfe
extremer psychischer oder physischer Mittel zu einer transzendenten
Ursache erheben wollten. Vielmehr gehe es jetzt um die Anhebung des
Entwicklungsniveaus der breiten Massen, um die bestehende
Kulturentwicklung entwicklungsfähig zu halten.
Die
Mönchskultur beeinflusste nachhaltig die Kulturentwicklung
zwischen dem 5. und 18. Jahrhundert, sowohl in der Architektur und
bei der Schaffung caritativer Einrichtungen, als auch in
intellektueller, ökonomischer, administrativer und
missionarischer Hinsicht. Waren es zur römischen Zeit die
Kampfarenen, so sind es im Mittelalter die Klöster, in denen
übendes Streben ritualisiert und weiterentwickelt wurde. Aber
besonders das Stände- und Adelssystem im alten Europa trennte
die ethischen Werte von Tugend (virtù) und Macht (areté),
indem es mit Hilfe eines skrupellosen Erbadels bis in 19. Jahrhundert
hinein der z. T. extremen Ausbeutung der Bevölkerung beitrug.
Mit einer Mischung aus Ignoranz, Faulheit, Grausamkeit und Dekadenz
regierten diese lokalen Fürsten ihr Machtgebiet ohne die Bildung
und Kultur in der breiten Bevölkerung zu fördern. Mit ihrem
aufgeblähten Selbstbewusstsein kannten sie nichts als die
Disziplin der Unterwerfung. Kulturelles Leben hat die Tendenz zur
Ausbildung von interner Mehrstufigkeit in sich, es sollte sich aber
nicht auf der Grundlage von Herrschaft, sondern auf ethisch
verantwortlicher Basis entwickeln. Dies ist bis heute nicht der Fall.
Die Vertikaldifferenzierung von modernen Großgruppen, wie sie
im Sportsystem des 20. Jahrhunderts und in der Entwicklung
nicht-aristrokratischer Prominenz geschah, auch in Schule,
Verwaltung, Wissenschaft und im Gesundheitswesen, zeigen „das
soziale Feld als ein ebenso stolzbewegtes wie gierbewegtes System“.
( Sloterdijk S. 209)
Diese durch Stolz und Gier bestimmte Tendenz der
modernen Kunst und Kultur gilt es zu überwinden, wenn es eine
Entwicklung zu einer aktivitätmobilisierenden Kultur auf breiter
Ebene geben soll. Indem man übt und tut, was alle tun, ohne über
den Wert des Tuns nachzudenken, nimmt man teil am gewohnten
„Sprachspiel“. Bewusst und freiwillig gewählten
Übungsgemeinschaften beizutreten erfordert logische Analyse und
Absetzung vom Gewöhnlichen. Die Besessenheit von halbbewussten
und unbewussten Regeln muss in ein freies Üben umgewandelt
werden, bei dem nicht-deklarierte Übungen und Lebensformen in
bewusste transformiert werden. Dabei muss dem Übenden klar
werden, dass es nicht auf ein Reden über die Übungen,
sondern auf ihre Ausführung ankommt. Arbeit an der Vertikalität
bedeutet die Kraft zur Selbstgestaltung zu finden und individuelle
ethische Kompetenz zu entwickeln. Der übenden Selbstgestaltung
als der ureigensten Daseinsmöglichkeit entspringt die Bewegung
mit sich selbst über sich selbst hinaus. Dabei ist ein
exzentrisches oder ekstatisches Außer-sich-Geraten nicht schon
ein Über-sich-hinaus-Gehen. Denn man kann das Bestehende nicht
unter-, sondern nur überwandern.
Aus einer Fülle von
Kompetenzsystemen müssen sich in allen Bereichen von Kultur,
Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft übungsfähige
Könnenseinheiten entwickeln. Auf jedem Gebiet vollziehen sich
dabei unweigerlich ständige praktische Krisen, die zu
Entscheidungen zwischen unrichtig (schlecht, nicht böse) und
richtig bei der Ausführung der Disziplin entscheiden. Jede
Einzeldisziplin besitzt dabei ihre eigene, nur aus ihr selbst
verständliche Vertikalspannung. Das „Gute“ ist dann nicht
Sollen oder übergeordneter Wert, sondern den eigenen Streben
selbst inhärent.
Eine aktuelle Trainings- und
Entwicklungspsychologie würde richtiges, angemessenes Handeln
auf hohem Niveau anregen und fördern können. Es müsste
untersucht werden, welche Kraft im handelnden Menschen zum
Handlungsakt strebt und wie sie sich in jedem Könnensbereich im
Rahmen der Vertikalspannung äußert, wie das, was schon gut
gelungen ist, den Sog zum Besserwerden verspürt und jedes Können
zu höherem Können aufruft. Diese moralische Kompetenz
entwickelt sich zu künstlerischer und sozialer Leistungskraft.
Trainierte Könnensmodule werden jeweils zum neuen Basislager für
den nächsten Sprung nach oben. Dabei entwickelt jedes dieser
Vertikal-Systeme eine Gliederung in hierarchisch angeordneten Stufen,
die Qualifizierungszustände, Berufsklassen,
Persönlichkeitsbildung u. a. betreffen. Kollektive oder
persönliche Identität kann produktiverweise als
Ausgangspunkt für die Verschiedenartigkeit der Entwicklung von
Menschen gesehen werden, sie kann aber auch in einer hierarchisch
festgeschriebenen Pseudovertikalität stagnieren. Dann wertet sie
in unproduktiver Weise ab oder auf.
Es ist überdurchschnittlich
unwahrscheinlich, dass sich Einzelne oder gesellschaftliche Gruppen
aus ihrer Habitusgemeinschaft herauslösen, aber es passiert,
immer wieder. Kulturentwicklung geschieht nur auf diese Weise, mit
Hilfe von Katapulten, von Pionieren, in einer Sezession von
Gewohnheiten und einer Hinbewegung zum Übergewöhnlichen. Es
findet eine unvermeidliche innerseelische Spaltung zwischen dem
„Gewohnheitstier“ und der Strebung nach Höherem statt, die
sich im äußeren Raum durch Klassifizierungen von Menschen
und Menschengruppen spiegelt und verschärft.
Als Beobachter
dieser nichtpolitischen Klassenspaltung tritt der „Zeuge“ auf,
der beide Strebungen in sich und um sich wahrnehmen kann, Sprache
findet für seine eigene Position, und sich dabei eingebettet
sieht in das irreversible Strömen des Werdens, weshalb man
nach Heraklit nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Wer einmal
aus dem Fluss einer Gruppe gestiegen ist, kann nicht mehr zurück
zu seiner alten Art. Wenn er wieder hinein steigt schließt er
sich an eine neue Strömung an. Die Impulsmacht der aufwallenden
Affekte überwindet die Trägheitsmacht der Gewohnheit. Wenn
das Individuum als ein übendes die Trägheiten in sich
selbst nachhaltig überwindet, entsteht jeweils eine Wende, es
wird zum Lehrmeister, zum Erleuchteten, Weisen, zur neuen
Vorbildfigur.
„Du musst Dein Leben ändern“ tönt es seit
dem 5. Jahrhundert vor Chr. im alteuropäischen Raum, beginnend
bei den griechischen Statuen. Es heißt durch innere Aktivierung
ein übendes Subjekt zu werden, welches dem eigenen
Vorstellungsleben, den Leidenschaften und Gewohnheiten überlegen
ist. Vom passiven Modus des Geformtseins zu einem aktiv sich
formenden überzugehen, steht am Anfang jeder höheren
Kulturentwicklung. Der Mensch ist psychodynamisch zum Üben,
Denken und Lenken verurteilt. Er kann nicht anders, da Stagnation in
lebenden Systemen unweigerlich zu ihrem Tod führt. Lernen zieht
seinen Sinn nicht aus der Macht der Gewohnheit, sondern aus seiner
vertikalen Strebung, aus dem Überschuss von in der
Vertikalspannung erzeugten Kräften in Richtung des angestrebten
Superlativs.
Kunst
am Menschen – die Selbstbezüglichkeit der Kunstsysteme
In
den Werkstätten der Handwerker bildete sich ab dem Mittelalter
eine Kultur des übenden Herstellens von Gebrauchsgütern mit
hohem künstlerischem Wert. Die meditative Wiederholung von
Handwerksgesten und Handgriffen bündelte sich beim
Handwerksmeister zu einer hohen Kunst, die ihn selbst durch das
regelmäßige achtsame Tun geistig formte und spirituell
schulte. In der Neuzeit wurde die Arbeit zur Ware, während sich
die Künste von den Handwerken abtrennten. In den Fabriken und
Manufakturen geht es neben der Präzision hauptsächlich um
eine Beschleunigung der Herstellung und um die Produktion von Mengen.
Der Künstler dagegen rettet sich in seine schöpferische
Kompetenz. Er opfert das Allgemeine zugunsten des Besonderen, während
der Arbeiter das Besondere zugunsten des Allgemeinen hingibt. Das
zukünftige, wahre Ganze ist beim bildenden Künstler das
neue Werk, für den Arbeiter besteht es in der Hingabe und den
Dienst an den Bedürfnissen der Anderen.
Als täglich Übende
verändern sich die jeweiligen Gruppen und Individuen in
spezifischer Weise. Neuropsychologisch sind die durch Übungen
erzeugten seelischen Effekte nicht von den natürlichen
psychischen Strebungen zu unterscheiden.
Wie
auch immer unsere täglichen Übungen und Routinen aussehen,
sie wirken körperlich, seelisch und geistig auf uns zurück.
Die Ausrichtung auf Geschwindigkeit und Produktivität, wie sie
uns die Wirtschaft vorschreibt, und die Ausrichtung auf ein passives
Genussstreben im Privatleben erzeugen eine zunehmende
Unselbständigkeit und moralische Verantwortungslosigkeit, die
den Menschen erschöpft und demotiviert. Berufliches und privates
Scheitern sind so auf breiter gesellschaftlicher Ebene
vorprogrammiert, wenn wir nicht neue Anstrengungsprogramme zur
Mobilisierung von Kreativität und Gemeinschaftsbildung
entwickeln und den Vielen zugänglich machen.
Kulturträger,
die ihre Fähigkeiten an Andere weitergeben, könnten zu
Hütern von neuen kreativitätsfördernden Ritualen
werden. Kulturelle Wertschöpfung muss zur persönlichen
Aktualisierung von Könnenschancen aufrufen und individuelle
Anstrengungen zur Bildung neuer Gewohnheiten anregen.
Eigenanstrengungen dürfen sich nicht mehr nur auf die Erhöhung
des persönlichen Leistungsniveaus ausrichten, sonst verliert der
Einzelne den Kontakt zum eigenen Inneren, welches ebenfalls der
Gestaltung bedarf.
Der moderne Steuerstaat braucht den ständigen
Zuwachs von Geldmitteln aus den besteuerbaren Eigennutzzentralen. Er
ist deshalb nur an der Steigerung des Leistungsniveaus seiner Bürger
interessiert, nicht an ihrer Bildung und Entwicklung. Der
kapitalistische Zwang zur Kostenminderung der Arbeit zerstört
zunehmend unsere Sozialsysteme und sanktioniert die immer größer
werdende Zahl der Überflüssigen und Unbrauchbaren.
In den
Schulen werden Heranwachsende nicht genügend auf die Arbeitswelt
vorbereitet, sondern mit einer Allwissenheitsideologie belastet. Die
in den Schulen fehlende Übungskultur führt in Verbindung
mit passivem Medienkonsum zu einer gestörten Lernfähigkeit.
Denn gesunde Lernfähigkeit kann sich nur aus einem anregenden
Zusammenhang zwischen Selbstsehen und Selbsttun entwickeln.
Eigenaktivität und künstlerisches Handeln wurden im
Schulsystem systematisch abgewertet. Gemeinschaftsbildung und
Sozialverhalten haben einen geringeren Stellenwert als abfragbares
Wissen. Diese Wertungen prägen das Verhalten unseren Kindern und
Jugendlichen, die vor lauter Konsumieren nicht mehr zu sich selber
finden. In einer immer komplexer werdenden Umwelt ist der Einzelne
zunehmend auf die Kompetenz anderer angewiesen. Beim Arzt, in der
Politik, in allen Arbeits- und Freizeitgebieten benötigt das
Individuum die Aktivität kompetenter Anderer, die an ihm etwas
für seine Selbstverbesserung tun. Auch hier wird der Einzelne an
passive Haltungen gewöhnt. Das lässt sich leider nicht
vermeiden. Aus Sartres Sicht kann Selbstentwicklung nur durch den
immer wieder aktualisierten Bruch mit der inneren Passivität
erlangt werden.
Die Fähigkeit an den Kompetenzen der anderen
teilzuhaben und ihnen selbst durch Entwicklung eigener Kompetenzen zu
dienen, erfordert ein freies Schwingen zwischen dem eigenen
Aktivitäts- und Passivitätsmodus. Dieses freie Schwingen
wird in Kreativprozessen geübt und entwickelt. Die Etablierung
von Kreativität im Handlungsalltag schützt das Individuum
nicht nur vor dem inneren Zerfall in der Passivität, sondern
auch vor dem manisch-hektischen Aktivitätswahn, welcher der
modernen Welt anhaftet.
Das Schwingen um eine freie innere Mitte in
Verbindung mit einer individualisierten Ausrichtung auf einen
Steigerungsweg im Kompetenznetzwerk der gewählten Gruppe ist
heute die Aufgabe des Individuums. Unsere Kultur braucht auf allen
ihren Fachgebieten einen stabilen Optimierungskurs, um sich zu
erhalten. Für die bildende Kunst heißt dies, dass sie sich
technisch, thematisch und formal wieder an ein Trainingsbewusstsein
anschließen muss, welches sie seit etwa hundert Jahren
zunehmend verloren hat. Zur Zeit können sich vor allem die
Künstler im Kunstbetrieb profilieren, welche die zunehmende
Selbstsucht und Selbstbezüglichkeit auf ihre Fahnen schreiben.
Das Kunstwerk weist nicht mehr auf etwas Höheres hin, sondern
nur noch auf seine eigene Ausgestelltheit. Als selbstreferentielles
System kann es die Sehnsucht der Menschen nach Bedeutsamkeit und
Transzendenz nicht erfüllen, sondern nur aufstauen und
unbefriedigt zurücklassen. Die mit dem Kunsterlebnis entstehende
Leere und Frustration wird zum Selbstzweck erklärt und
pseudoreligiös legitimiert. Selbstbezogene Kuratoren und als
Selbstsammler auftretende Künstler agieren ein beliebiges Mehr
von Selfishness. In der Renaissance war der bildende Künstler
der Meister der christlichen Darstellung, des Portraits und der
Landschaft. Die Kunst zeigte Werkstattmacht, während sie in der
frühen Moderne mit der Ausstellung des Pissoirs von Duchamp
Ausstellungsmacht präsentiert, um schließlich heute in der
Selbstdarstellung des sich selbst präsentierenden Museums als
Kunstmarktmacht zu enden, welche alle Macht den Sammlern überlässt.
Auf dem Wege der Veräußerlichung in eine Eventkultur ahmt
der Aussteller den Aussteller, der Käufer den Käufer nach,
um schließlich den Künstler und sich selbst mit reichen
Belohnungen blind zu machen. Was wiederholungswürdig ist und was
nicht wird nicht mehr unterschieden.
Der
moderne Mensch aber braucht Übungswege, die ihm helfen aus der
Banalität seines Daseins, aus Stumpfheit und Depression
auszusteigen. Er braucht Kulturimpulse, die ihn zur Identitäts-
und Gemeinschaftsbildung anregen.
Diese beiden Impulsrichtungen
stellen nur scheinbar einen Gegensatz dar. Denn der Mensch ist in
seinen Wurzeln zuerst Mitmensch, ist in Situationen und Kollektive
eingebunden. Er ist existentiell auf ein Außer-sich-Sein
angelegt. Erst in zweiter Instanz kann er sich um sein Selbstsein
kümmern. In der Welt sein bedeutet auch Distanzverlust, bedeutet
sich aus einem Außer-sich-Sein auf den Weg zu sich selbst zu machen. Wer also „ich“
sagt, stellt sich selbst über sein ursprüngliches Mitsein
und unterliegt der Gefahr illusorischer Überhebung. Das zur
Verfügung stehende gesundheits- und entwicklungsförderliche
Übungswissen hat sich bis in unsere Zeit extrem vermehrt, es
müsste nur genutzt werden, um die Entwicklung von Kollektiven
und Individuen voranzubringen.
Als die stärksten Mittler
zwischen Welt- und Selbstverständnis haben sich die Heilkunde,
die Künste und die Demokratie bewährt. Wenn wir diese drei Kräfte
fördern und erhalten, entwickeln wir uns kulturell weiter.
Im
Kern bezieht sich alle Kommunikation unserer Gegenwart auf den Ruf
von Rilke: Du musst dein Leben ändern! Im Fluss der riesigen
Informationsmengen wirkt dieser Ruf ordnend und prägt dem
modernen Leben eine moralische Gestalt auf. Die Sorge um das Ganze
lässt ein Streben zum Besseren entstehen, welches aber in seiner
Befehlsform eine bedingungslose Überforderung darstellt. Jede im
Alltag zu erbringende Anforderung, jedes vernünftige und
maßvolle Gebot setzt für seine tätige Umsetzung eine
Anspannung voraus, die aus einem noch unerfüllten Anspruch
entsteht. Nur wer sich auf Größeres ausrichtet, ist in
diesem Sinne Mensch. Wer in der Überforderung seiner
Vertikalspannung lebt, kann sich zum transzendenten Pol hinziehen
lassen. Das Transzendente, das Erhobene, welches mich anschaut, ist
persönlich. Jede Ethik gründet in der Erfahrung des
Erhabenen. Und nur dieses kann die Überforderung aufrichten, die
den Menschen auf den Weg zum Unmöglichen vorantreibt.
Es reicht
nicht das Bestehende zu bewahren. Aber die Forderung nach
ökologischem Handeln wirkt für den Einzelnen wie eine
Unmöglichkeit angesichts der Wirtschaftsgier der Hyperreichen.
Zwischen dem Einzelnen und der Weltgesellschaft tritt angesichts der
drohenden Klimakatastrophe eine unglaubliche Vertikalspannung auf.
Unsere sozialen und solidarischen Immunsysteme zeigen
Auflösungserscheinungen, weil das Bewusstsein für die
gemeinsamen Werte schwindet. Die einzelnen Völker und
Wirtschaftssysteme glauben immer noch, dass eigene Stärke und
Immunität nur durch die Schwächung der anderen zu erreichen
ist, in der Trennung des Eigenen vom Fremden.
Solange der Sieg des
Eigenen die Niederlage des Anderen bedeutet, entstehen letztlich
Immunverluste für beide Seiten, weil die Weltgemeinschaft an
eine Grenze gekommen ist. Effektive Solidaritätsgemeinschaften
sind heute wie früher national, imperial, familial. Eine
allgemeine Immunologie müsste aber über sämtliche
Unterscheidungen des Fremden vom Eigenen hinausgehen. Der
dominierende ausbeuterische Prozess müsste als das eigentlich
Fremde benannt und ausgegrenzt werden.
Kooperative Logik würde
die Besonderheit der Einzelkulturen und lokale Solidaritäten
berücksichtigen. Für den Einzelnen würde dies heißen,
in täglichen Übungen für das gemeinsame Überleben
gute Gewohnheiten zu pflegen und in selbst gewählten
Übungsreihen eigene und fremde Entwicklung gleichermaßen
zu fördern. Dieses Entwicklungsniveau hat Jean Gebser 1953 als
integrales Bewusstsein bezeichnet. Es muss deshalb Aufgabe eines
zeitgemäßen Kulturimpulses sein heilsame,
kreativ-künstlerische und demokratische Übungswege für
Einzelne und Gruppen anzuregen, um sie für alle Menschen
zugänglich zu machen.
Kulturträger, die in sinnloser und
wahlloser Weise andere Schaffende ausgrenzen, sollten in die Grenzen
ihrer Selbstbezüglichkeit verwiesen werden. In Seminaren zur
Selbst- und Sozialgestaltung könnten auf breiter Ebene
kulturelle Impulse angestoßen und gepflegt werden, die zu einem
neuen gemeinsamen Wertebewusstsein beitragen.
Künstlerpersönlichkeiten könnten mit öffentlichen
Aktionen Menschen zu breit angelegten Kulturinitiativen anregen, um
so den Arbeits- und Privatalltag zu bespielen und dabei langfristig
zu verändern. Wohl dem, der sich schon auf diesen Weg begeben
hat! Er macht nämlich glücklich!
Regula Rickert im
Dezember 2009
Literatur:
Peter
Sloterdijk Du musst dein Leben ändern 2009
Luise
Reddemann Überlebenskunst 2008